Unser Gesundheitswesen braucht Ehrlichkeit – keine neuen Feindbilder

Seit mehr als zehn Jahren bin ich Hausarzt – mit Freude, aus Überzeugung und mit großer Verbundenheit zu meinen Patientinnen und Patienten. Ich liebe diesen Beruf noch immer.
Aber ich bin nicht nur Arzt. Ich bin zugleich Unternehmer, Arbeitgeber und verantwortlich für einen kleinen mittelständischen Betrieb. Ich beschäftige Mitarbeiterinnen, trage wirtschaftliches Risiko und muss am Ende jedes Monats dafür sorgen, dass Gehälter, Miete, Energie, Versicherungen, IT, medizinische Geräte und alle anderen Kosten bezahlt werden können.
Deshalb weiß ich aus eigener Erfahrung: Auf Dauer kann niemand mehr Geld ausgeben, als er einnimmt. Keine Familie, keine Arztpraxis, kein Unternehmen, kein Krankenhaus – und auch keine Krankenkasse.
Wenn die gesetzlichen Krankenkassen Jahr für Jahr Milliardendefizite schreiben, lösen sich diese nicht von selbst auf. Dann muss gehandelt werden. Wer politische Verantwortung trägt, ist verpflichtet, dafür zu sorgen, dass unser Gesundheitswesen dauerhaft finanzierbar bleibt. Es reicht nicht, jede Veränderung reflexartig abzulehnen und gegen jeden Einschnitt sofort zu protestieren. Wer nur sagt, was auf keinen Fall verändert werden darf, beantwortet noch lange nicht die Frage, wer es bezahlen soll.
Natürlich freut sich niemand über Einsparungen oder zusätzliche Belastungen. Auch wir Ärzte nicht. Aber wenn das System erhalten bleiben soll, werden sich alle zusammenreißen und ihren Beitrag leisten müssen: Politik, Krankenkassen, Krankenhäuser, Pharmaindustrie, Versicherte – und selbstverständlich auch wir Leistungserbringer.
Die Betonung liegt allerdings auf alle.
In den Arztpraxen sind die Kosten in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. Die Gehälter unserer Medizinischen Fachangestellten mussten und sollten angehoben werden. Unsere Mitarbeiterinnen leisten jeden Tag hervorragende Arbeit und haben eine angemessene Bezahlung verdient. Diese Tarif- und Kostensteigerungen lagen jedoch teilweise deutlich über dem, was den Praxen als Honorar- oder Inflationsausgleich zugestanden wurde.
Auch bei Privatpatienten besteht keineswegs eine automatische Anpassung an steigende Kosten. Die Gebührenordnung für Ärzte stammt im Kern aus dem Jahr 1996. Der zugrunde liegende Punktwert wurde seit Jahrzehnten praktisch nicht erhöht. Seitdem sind Löhne, Mieten, Energie, Versicherungen, Technik, Hygiene- und Dokumentationsanforderungen massiv gestiegen. Welche andere Branche soll im Jahr 2026 noch auf einer Preisgrundlage aus den achtziger und neunziger Jahren arbeiten?
Deshalb empfinde ich den Begriff „Nutznießer des Gesundheitssystems“ als falsch und verletzend. Ich bin kein Nutznießer. Ich bin Leistungserbringer, Arbeitgeber, Investor und einer derjenigen, die dieses System jeden Morgen aufs Neue am Laufen halten. Meine Mitarbeiterinnen und ich behandeln Menschen, übernehmen Verantwortung und fangen viele Probleme auf, bevor daraus teure Krankenhausfälle werden.
Gleichzeitig sehe ich, dass auch Krankenhäuser unter enormem wirtschaftlichem Druck stehen. Kommunale oder öffentliche Kliniken können häufig nur weiterbestehen, weil Städte, Kreise oder Länder immer wieder Geld zuschießen. Private Betreiber müssen Gewinne erwirtschaften und ziehen sich zurück, wenn ein Standort dauerhaft nicht tragfähig ist. Doch eine medizinisch notwendige Versorgung kann nicht einfach geschlossen werden, nur weil sie sich betriebswirtschaftlich nicht rechnet.
Genau darin liegt das eigentliche Dilemma: Medizinische Notwendigkeit und wirtschaftliche Realität lassen sich nicht voneinander trennen.
Wir müssen daher endlich ehrlich darüber sprechen, welche Leistungen solidarisch finanziert werden können, wo Strukturen effizienter werden müssen und welchen angemessenen Eigenbeitrag man den Menschen zumuten kann. Eine maßvolle, sozialverträgliche Beteiligung darf kein politisches Tabu sein. Wer wenig Geld hat, chronisch krank ist oder häufig Versorgung benötigt, muss geschützt werden. Aber Solidarität bedeutet nicht, dass jede Leistung unbegrenzt und ohne jedes Kostenbewusstsein angeboten werden kann.
Genauso notwendig ist eine regelmäßige, nachvollziehbare Anpassung der ärztlichen Vergütung an die tatsächliche Kostenentwicklung. Eine Praxis kann nur dann gute Medizin anbieten, wenn sie ihre Mitarbeiterinnen angemessen bezahlen, moderne Geräte anschaffen und wirtschaftlich stabil arbeiten kann. Das ist keine Bereicherung. Das ist die Voraussetzung dafür, dass es auch morgen noch wohnortnahe Hausarztpraxen gibt.
Viele niedergelassene Kolleginnen und Kollegen überlegen inzwischen ernsthaft, ihre Praxis aufzugeben und wieder in eine Anstellung zu wechseln. Nicht weil sie ihre Patienten oder ihren Beruf nicht mehr mögen, sondern weil Bürokratie, wirtschaftliches Risiko und persönliche Verantwortung in keinem vernünftigen Verhältnis mehr stehen. Wenn diese Menschen aufgeben, verliert das Gesundheitswesen nicht seine „Nutznießer“, sondern seine tragenden Säulen.
Ich wünsche mir deshalb weniger Empörung, weniger gegenseitige Diffamierung und mehr Ehrlichkeit:
Wo kein Geld vorhanden ist, kann es auf Dauer nicht ausgegeben werden. Wer aber sparen will, muss erklären, wo, wie und mit welchen Folgen. Und wer die Menschen zur Verantwortung aufruft, muss die Lasten gerecht verteilen.
Wir Ärzte sind bereit, unseren Beitrag zu leisten. Wir tragen bereits sehr viel Verantwortung. Was wir erwarten dürfen, sind Respekt, Planungssicherheit und eine Vergütung, die auch im Jahr 2026 noch eine hochwertige Versorgung ermöglicht.
Denn am Ende geht es nicht um Ärzte gegen Politik, Patienten gegen Krankenkassen oder Praxen gegen Krankenhäuser. Es geht darum, gemeinsam ein Gesundheitswesen zu erhalten, das medizinisch leistungsfähig, sozial gerecht und dauerhaft bezahlbar bleibt.
In diesem Sinne – nachdenklich, aber weiterhin mit großer Freude Hausarzt,
Ihr
Dr. med. Ansgar Hieronymus