Hausarztpraxis im Krisenalltag: Wenn am Ende vieles beim Hausarzt landet

Klimakrise, Hitzewellen, Personalmangel, fehlende Facharzttermine, überlastete Krankenhäuser, Lieferengpässe bei Medikamenten und gleichzeitig Einsparungen im Gesundheitswesen: Viele Herausforderungen haben am Ende einen gemeinsamen Anlaufpunkt – die Hausarztpraxis.

Hausarztmedizin hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Natürlich behandeln wir weiterhin Erkältungen, Rückenschmerzen oder einen erhöhten Blutdruck. Doch der Alltag einer modernen Hausarztpraxis umfasst inzwischen sehr viel mehr.

Wenn der Facharzttermin fehlt

Ein Patient benötigt eine fachärztliche Untersuchung, bekommt aber erst in einigen Monaten einen Termin? Bis dahin betreuen wir weiter.

Ein Psychotherapieplatz ist nicht verfügbar? Auch dann bleibt häufig zunächst die Hausarztpraxis Ansprechpartner.

Das Krankenhaus entlässt einen Patienten früher und die weitere Behandlung muss organisiert werden? Wir übernehmen.

Pflegedienst, Pflegeheim oder Angehörige benötigen ärztliche Unterstützung? Wir versuchen, eine Lösung zu finden.

Ein wichtiges Medikament ist nicht lieferbar? Dann suchen wir nach einer geeigneten Alternative.

Viele dieser Dinge gehören inzwischen ganz selbstverständlich zu unserem Alltag.

Große Krisen werden irgendwann ganz konkret

Auch Entwicklungen, die zunächst weit weg vom einzelnen Patienten erscheinen, kommen irgendwann in der Hausarztpraxis an.

Hitzewellen treffen besonders ältere und chronisch kranke Menschen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen können sich verschlechtern, Medikamente müssen überprüft und Trinkmengen besprochen werden.

Infektionswellen führen innerhalb weniger Tage zu erheblich mehr Patienten in den Praxen.

Der demografische Wandel bedeutet mehr ältere und multimorbide Menschen, die eine kontinuierliche medizinische Betreuung benötigen.

Und Personalmangel betrifft längst nicht nur Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. Auch Arztpraxen konkurrieren um qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen werden damit irgendwann sehr persönlich: nämlich dann, wenn ein Mensch medizinische Hilfe benötigt.

Und dann gibt es noch den ganz normalen Praxisalltag

Neben diesen zusätzlichen Belastungen läuft die reguläre Versorgung selbstverständlich weiter.

Dazu gehören unter anderem Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen, Akutmedizin, Betreuung chronischer Erkrankungen, Hausbesuche, Pflegeheimversorgung, Wundversorgung, Diagnostik und die Koordination mit Fachärzten und Krankenhäusern.

Hinzu kommen Telefonate mit Angehörigen, Befunde, Verordnungen, Anträge, Bescheinigungen und eine weiterhin erhebliche Bürokratie.

Dabei sollte eines nicht vergessen werden: Gute Hausarztmedizin besteht nicht nur aus der Behandlung bereits bestehender Krankheiten.

Prävention und Früherkennung werden angesichts einer alternden Bevölkerung immer wichtiger.

Ambulant vor stationär? Gerne – aber konsequent

Politisch wird seit Jahren gefordert, mehr Medizin ambulant statt stationär zu erbringen.

Grundsätzlich ist das sinnvoll. Viele Untersuchungen und Behandlungen können wohnortnah erfolgen. Eine gut ausgestattete Hausarztpraxis kann Erkrankungen früh erkennen, Behandlungen koordinieren und in manchen Fällen Krankenhausaufenthalte vermeiden.

Aber dieser Gedanke muss konsequent zu Ende gedacht werden.

Wenn immer mehr Aufgaben aus Krankenhäusern und anderen Bereichen in die ambulante Versorgung verlagert werden, müssen dort auch die notwendigen Strukturen vorhanden sein.

Eine moderne Praxis benötigt qualifiziertes Personal, Räume, medizinische Geräte, leistungsfähige IT und ausreichend Zeit für ihre Patienten.

Das alles kostet Geld.

Gleichzeitig soll im Gesundheitswesen gespart werden

Genau hier entsteht ein Widerspruch.

Auf der einen Seite sollen Hausarztpraxen mehr Verantwortung übernehmen. Auf der anderen Seite wird über Einsparungen und Begrenzungen der Ausgaben im ambulanten Bereich diskutiert.

Natürlich muss auch im Gesundheitswesen wirtschaftlich gearbeitet werden. Die vorhandenen Mittel sind nicht unbegrenzt.

Aber Sparmaßnahmen sollten dort ansetzen, wo tatsächlich unnötige Kosten entstehen – und nicht dazu führen, dass wohnortnahe medizinische Strukturen geschwächt werden.

Denn eine Hausarztpraxis ist keine abstrakte Kostenstelle.

Hinter ihr stehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, medizinische Geräte, IT, Miete, Energie, Fortbildungen und viele weitere laufende Kosten.

Vor allem aber stehen dahinter Menschen, die jeden Tag Patienten versorgen.

Hausarztmedizin ist mehr als „kurz mal draufschauen“

Wir möchten moderne Medizin anbieten. Wir möchten investieren, neue diagnostische Möglichkeiten nutzen, Prävention stärken und unseren Patienten möglichst viele Untersuchungen wohnortnah ermöglichen.

Und wir möchten auch dann noch Ansprechpartner sein, wenn es an anderer Stelle schwierig wird.

Genau darin liegt eine der großen Stärken der hausärztlichen Versorgung: Wir kennen unsere Patienten häufig über viele Jahre. Wir kennen ihre Erkrankungen, ihre Medikamente und oftmals auch ihre persönliche und familiäre Situation.

Diese Kontinuität lässt sich nur schwer ersetzen.

Deshalb ist Hausarztmedizin keine „Resteverwertung“ für alles, was an anderer Stelle im Gesundheitssystem nicht mehr funktioniert.

Sie ist eines seiner Fundamente.

Wir können viel auffangen. Und wir tun das jeden Tag gerne.

Aber auch eine Hausarztpraxis kann nicht unbegrenzt zusätzliche Aufgaben übernehmen, wenn gleichzeitig Personal, Zeit und finanzielle Möglichkeiten immer knapper werden.

Unser Wunsch für die Zukunft

Wir brauchen eine starke ambulante Medizin mit verlässlichen Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und ausreichenden Möglichkeiten, in Personal, Technik und moderne Medizin zu investieren.

Denn Krisenresilienz beginnt nicht erst in großen Kliniken.

Sie beginnt häufig ganz unspektakulär vor Ort – in der Hausarztpraxis.

Nah. Persönlich. Verlässlich.